„Ich trage ein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen.“ #kleist

Dies ist das Eingangszitat der Erzählung „Kein Ort. Nirgends.“ von Christa Wolf, 1993 kurz nach der Wende erschienen. In dieser Erzählung verdichten sich mono- und dialogisch die Figuren Karoline von Günderode und Heinrich von Kleist. Das Leseerlebnis ist unglaublich. Wir fragen uns nicht erst auf der zweiten Seite „Wer spricht?“
Und heute sprechen wir. Über Heinrich von Kleist. Dichter, Poet, Weltenbespiegeler.
Was ist es, woran wir uns heute, an seinem 200. Todestag erinnern können? Was finden wir?

Schauen wir beim Nachrichtendienst „Twitter“ rein. Bereits heute morgen, 10 Uhr: Der Hashtag (diese Raute # vor so manchen Wörtern, die im Internet dem guten Suchen und Gefunden-Werden dient) auf Platz vier der meist geposteten Inhalte auf Twitter in Deutschland. Heute Nachmittag wieder auf Platz 5.
Wir folgen dem ersten Link. Ah, die ZEIT ist auch online! Mit einem dreiseitigem Artikel pünktlich zum 200. Todestag. „Der Schrecken im Bade“, so der Titel. Und wir erfahren, dass es mehr ist, als der Schrecken oder die Pathologie, womit der Dichter nicht nur unsere Kulturgeschichte, sondern auch Lesegewohnheiten und Gedanken bereichert. Kleist sei „der unerreichte Meister der doppelten Böden und der wechselnden Identitäten“. Ein Meister der Sprache, der davon sprechen konnte, worüber andere nur zu schweigen wussten: „Weil er die Katastrophen kannte, träumte er Idyllen.“

Was heißt das?
Ein Dichter, der durch ein empfindsames Herz in Zeiten von Bürgerkriegen und politischen Umwälzungsprozessen in ganz Europa, wie ein Seismograph Stimmungen, Lebensmuster, Atmosphären, Veränderungen und vor allem das Ungesagte aufnahm. Der es beinahe ungefiltert, mit einer zu offenen Leerstellen neigenden Sprache, in Dichtung katalysierte, was er beobachtete. Eine Dichtung, die, so schlägt es Ulrich Greiner im Januar 2011 in der ZEIT vor, „bis an die Grenze des Sagbaren“ heranreicht. Worte, die uns im Rückblick nicht nur seiner Zeit voraus erscheinen. Gewaltig in ihrer Offenheit und nicht selten verkannt zu Lebenszeiten des Dichters.

Welcher Schrecken wartet im Bade?
Zunächst möchten wir auf die kompositorische Wirksamkeit dieses Satzes verweisen: Der Titel eines minimalistischen Stückes aus dem Jahr 1809 von Kleist.
„Der Schrecken im Bade“. Wir erkennen: Der Schrecken könnte etwas sein, welcher die Idylle (hier symbolisiert durch das „Bad“, was wir heute vielleicht lapidar „Wellness“ nennen würden) impliziert. Über die Erfahrung von Schrecken wird die Erfahrung des Glücks, der Idylle erst möglich? Könnte es sein, dass das Glück mehr ist, als ein immerwährender Zustand? Dass es aus der Erfahrung von Nicht-Glück resultiert?
Was hier anklingt, was ein Dichter im 19. Jahrhundert bereits als künstlerische Schöpferkraft zu nutzen wusste, haben Glücksforscher im 21. Jahrhundert bestätigt. Wir erinnern an dieser Stelle gern an die „Glücksformel“, dargestellt in einer emotionspsychologischen Beschreibung von Stefan Klein, 2003.

Achso, Glück zu empfinden setzt die Möglichkeit voraus eine Vielfalt an Gefühlen wahrnehmen zu können. Also auch Trauer, Schmerz, Schrecken.
Allerdings betonen Klein und andere Emotionsforscher den Stellenwert der Intuition, dem stillen Lauschen nach innen. Eine ganze Forschungsrichtung beschäftigt sich daher mit der Bedeutsamkeit des Körpers für kognitive und emotionale Verarbeitungsprozesse, wie Lernen bspw. Das überrascht uns nicht, ist allerdings in einer von Ratio bestimmten Welt und gar Wissenschaftsgeschichte doch ein größerer Wurf!
Genug exkursiert. Aber doch lohnt es sich, an dieser Stelle in Übungen des Denkens von Kleist selbst hinein zu sampeln:
„Was ist wünschenswerther, auf eine kurze Zeit, oder nie glücklich gewesen zu sein?“
Denkübungen für Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), Frühjahr bis Sommer 1800.

Der „Schrecken“, um den das Kurzdrama kreist, ist auch ein kurzweiliger und vor allem körpergebundener. Allerdings stark von Moral und Über-Ich bestimmt. Es geht um die Unmöglichkeit von Nacktheit in einer von Christentum bestimmten, bürgerlichen Welt. Um Verhüllungen aller Art vor dem Ehebund und den Fantasien, die daraus entstehen könnten. Wunderbar zusammengefasst vom ZEIT-Redakteur Durs Grünbein.

Die Sprache, enthüllende Sprache.
Gleichsam an den Grenzen zwischen der Möglichkeit offen zu sprechen und es nicht zu tun:
„Kleists Satzgefüge gleichen Brücken, die gewaltige Schluchten überspannen. Wer sie betritt, fürchtet ihren Einsturz, aber sie halten.“
Ulrich Greiner / 8. Januar 2011 / Zeit Online

16:13 Uhr postet @Mariophosie auf Twitter: „Heinrich von Kleist tut mir Leid. Im Leben hat er nicht wirklich was erreicht, aber heute erinnern sich alle an seinen 200. Todestag.“

Dabei denken wir: Und ob er etwas erreicht hat! Postum oder zu Lebzeiten.
Wir erinnern uns an eine „Marquise von O“, an zaghafte Versuche die Unzulänglichkeiten von Geschlechterstereotypisierungen zu thematisieren bzw. auch inzestuöse Verschwiegenheiten anzudeuten, eine Spur zu legen für das Unsagbare. An die Bespiegelungen geschichtlicher Umbruchsprozesse und der Absurdität von Kriegen und Söldnerei. An das „Marionettentheater“ und die ironischen Brechungen in der Darstellung zwischenmenschlicher Kommunikation und ihrer Unzulänglichkeiten zu Beginn des Industrialisierungszeitalters. Noch bevor das erste Fließband überhaupt aus der Taufe gehoben wurde. Wir können einer Literatur begegnen, die wie ein Spiegel wiedergibt, was wir in die Welt werfen, unsere Handlungen, Spuren von Geschichte und Entwicklungen zwischen Du und Ich oder Barrieren zwischen kulturellen Gruppen. Sehr aktuell, wie wir finden.
Und denken gleichsam an die Eigenart, dass es doch so oft die „Außenseiter“ sind, die am Rand stehen und mit einer Sprache, die sich selbst noch zu suchen scheint, aussprechen, was ist. Und vielleicht (nicht) gehört werden. Armer Kleist? Arme Welt!

„Jahrhunderte altes Gelächter. Das Echo, ungeheuer, vielfach gebrochen. Und der Verdacht, nichts kommt mehr als dieser Widerhall. Aber nur Größe rechtfertigt die Verfehlung gegen das Gesetz und versöhnt den Schuldigen mit sich selbst.
Einer, Kleist, geschlagen mit diesem überscharfen Gehör, flieht unter Vorwänden, die er nicht durchschauen darf. Ziellos, scheint es, zeichnet er die zerrissene Landkarte Europas mit seiner bizarren Spur. Wo ich nicht bin, da ist das Glück.“
Christ Wolf, Kein Ort. Nirgends. 1993

Glück? Das hatten wir bereits! Soeben erfahren wir auf Twitter, #Heinrich von Kleist wird von den #Weihnachtsmärkten verdrängt. Trends. Die sollen nicht unsere Sorge sein!

Daniela Rieß

© Daniela Rieß

Mehr erfahren:
http://www.heinrich-von-kleist.org/startseite/
http://www.zeit.de/2011/47/Kleist-Essay/seite-2
http://www.uni-kassel.de/fb02/institute/germanistik.html

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