Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, war das letzte, was sie sah. Ein lange vergessener Feind und die Jahrhunderte, Sonne, Regen, Wind haben sie geschleift. Unverändert der Himmel, ein tiefblauer Block, hoch, weit. Nah die zyklopisch gefügten Mauern, heute wie gestern, die dem Weg die Richtung geben: zum Tor hin, unter dem kein Blut hervorquillt. Ins Finstere. Ins Schlachthaus. Und allein.
Mit der Erzählung geh ich in den Tod.
Christa Wolf, Kassandra

Christa Wolf, 2007 (Bild: Spree Tom, cc Linzenz)

Vor weniger als einer Woche haben wir über Christa Wolfs Werk „Kein Ort. Nirgends.“ in Zusammenhang mit Heinrich von Kleist, bzw. der Verwertung von lebens- und schaffensgeschichtlicher Zusammenhänge in der Erzählung, berichtet.
Heute ereilt uns über alle Kanäle die Meldung: Christa Wolf ist in Berlin verstorben. Das gibt der Surhkamp-Verlag bekannt.
Es sind einige Erzählungen und ein Reichtum an sprachkünstlerischer Gestaltung, die Christa Wolf hinterlässt.
Das Ereignis bewegt die Medienwelt. Geplante Radio-Sendungen werden verschoben. Eine Fülle von Eilmeldungen geht über sämtliche digitale und analoge Kanäle.
Für den Nachruf. Da kann es passieren, dass aktuelle Debatten um Soziale Medien, Jugendschutz und Internet warten müssen. Wie bspw. ein Interview mit Jürgen Ertelt, Sozial- und Medienpädagoge, Koordinator im Projekt Jugend online der Fachstelle für internationale Jugendarbeit zum Thema Jugendmedienschutz und #JMStV (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag) beim DeutschlandradioKultur. Eine wichtige Debatte.
Dafür gibt es einen Nachruf auf die Autorin. Diese hat ebenfalls debattiert. Ein Leben lang. Vor allem mittels prosaischer Sprache. In Essays oder direkt in der politisierten Öffentlichkeit. Eine Figur, um die sich ein Diskurs über die Rolle von Schriftstellern in der DDR nach 1990 entzündete, der später als „die Mutter aller Feuilletonschlachten“ in das kulturelle Gedächtnis eingehen wird. Eine Debatte, die in der Art, wie sie geführt wurde, weder 40 Jahre deutsch-deutsche Geschichte, noch zu wirklicher gesellschaftspolitischer Trauerarbeit beitragen konnte. Wie wir in diesen Tagen wieder erleben, wenn wir uns die Verarbeitungskultur des Nationalsozialismus und dessen Ausstrahlungen in die Gegenwart anschauen.
Das Erbe der deutschen Geschichte. Das Erbe der Zivilisationsgeschichte. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Persönlichkeitsentwicklungen – Einblicke in das Themenspektrum der Autorin.
Sie hat angeschrieben. Gegen das Vergessen. Und manchmal ihre eigene Geschichte offen legen müssen. Wie ihr Verhältnis zu Stasi.
Sie hat angeschrieben. Gegen Gewaltsysteme und deren Entstehung. Über psychische Prozesse. Über Aufbruch. Über ihr eigens Verhältnis zur DDR. Der Möglichkeit, zu bleiben, zu schreiben. Nein, „versäumt habe ich nichts!“
Und dabei hat sie viele Fragen gestellt, wie nach den Wurzeln von Entfremdung, Hass und Geschlechterstereotypisierungen. Nach den Wurzeln unserer Zivilisationsgeschichte, die in Kriege, Hegemonialdenken und Hass führten. Auf der Suche nach einem „dritten Weg“. Neben den Einbahnstraßen der großen politisch-ökonomischen Topoi.
„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist ihr letztes Prosawerk, erschienen im Suhrkamp-Verlag.
Wir hoffen, es gibt ihn, den einen Ort. Hier!

 Christa Wolf, am 4.11.1989 4.11.1989 in Berlin: Demonstration
500.000 Bürger beteiligten sich an einer Demonstration für den Inhalt der Artikel 27 und 28, der Verfassung der DDR. Auf dem anschließenden Meeting auf dem Alexanderplatz, ergriff auch die Schriftstellerin Christa Wolf das Wort. (Bundesarchiv)

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